Bachelorprojekt OPTIMIZE

Optimierung in der E-Commerce-Logistik — Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit durch algorithmische Verfahren

Universität Bremen · AG Kombinatorische Optimierung und Logistik · WS 2025/26

Projektüberblick

Motivation

Die globalen Herausforderungen des Klimawandels, der Ressourcenknappheit und der Umweltverschmutzung zählen zu den drängendsten gesellschaftlichen Problemen unserer Zeit. Um den immer weiter beschleunigenden Klimawandel zu bremsen, braucht es gerade im Logistikbereich und Verkehr Lösungen, um deren Nachhaltigkeit zu steigern.

Ökologische Nachhaltigkeit kann dabei Hand in Hand mit wirtschaftlicher Nachhaltigkeit umgesetzt werden: Effizientere Auslieferungsrouten reduzieren nicht nur Kosten, sondern setzen durch geringeren Ressourcenaufwand auch weniger Treibhausgase frei. Neue EU-Vorgaben wie die Verpackungsverordnung (EU 2025/40) erfordern zudem neue Ansätze.

Im Rahmen des Bachelorprojekts OPTIMIZE im Wintersemester 2025/26 haben 14 Studierende im Fachbereich Informatik der Universität Bremen zwei Aufgabenstellungen bearbeitet, die zusammen mit einem international agierenden Elektronikeinzel- und Onlinehändler als Praxispartner gestellt wurden.

Teilprojekt 1

Effiziente Verpackung von Produkten im E-Commerce

Motivation und Problembeschreibung

Das Ausgangsproblem

  • Der Verpackungsprozess ist für 10–30 % aller CO2-Emissionen einer Bestellung verantwortlich.
  • Die 2030 in Kraft tretende EU-Regulierung 2025/40 schreibt vor, dass Pakete maximal 50 % Leerraumquote aufweisen dürfen.
  • Mit den aktuell verwendeten 66 Kartontypen können nur 27 % der Produkte regulationskonform verpackt werden.
  • Ohne Strategiewechsel drohen rechtliche Verstöße, signifikante Mehrkosten sowie eine unverhältnismäßige Umweltbelastung.

Das Projektziel OPTIMIZE-Packaging

  • Einsatz moderner algorithmischer Verfahren zur Analyse von Fragestellungen rund um den nachhaltigen Verpackungsprozess im E-Commerce.
  • Simultane Optimierung der wirtschaftlichen Effizienz und ökologischen Nachhaltigkeit im Sinne einer Twin-Transformation.

Kartonzuweisung

Bei der Verpackung von Produkten entstehen Kosten durch Füllmaterial, Paketband und den Einkauf der Kartons. Der Einkauf ist nur in diskreten Mengen möglich mit geringeren Kosten pro Einheit bei größeren Stückzahlen.

Ziel: Zuweisung von Produkttypen auf Kartontypen zur kostenminimalen Deckung des wöchentlichen Bedarfs.

Modellierung als Mixed Integer Linear Program (MILP)

$a_{p,k} \in \mathbb{N}_0$ = Anzahl von Produkttyp $p$, die in Kartontyp $k$ verpackt werden
$g_{k,q} \in \mathbb{N}_0$ = Anzahl gekaufter Pakete der Größe $q$ von Kartontyp $k$

$$\min_{a,\,g}\; C_{\text{fuell}}(a) + C_{\text{band}}(a) + C_{\text{kauf}}(g)$$

$\displaystyle\sum_{k} a_{p,k} = s_p \quad \forall\, p \in P$ — Wöchentlicher Bedarf abgedeckt

$a_{p,k} = 0 \quad \forall\, p \in P,\; k \notin \mathcal{K}(p)$ — Produkt passt in Karton

$\displaystyle\sum_{p} a_{p,k} \leq \sum_{q} q \cdot g_{k,q} \quad \forall\, k \in K$ — Ausreichend Kartons jedes Typs

Ergebnisse

  • Optimale Zuweisung für 100.000 Produkttypen innerhalb von Minuten berechenbar
  • Kostenreduktion um 3–4 % gegenüber einer Zuweisung mit Greedy-Algorithmus
  • MILP nutzt Mengenrabatte effektiver, um geringere Kosten zu erzielen
MILP konsolidiert Einkäufe in günstigere Staffeln

3D-Packing

Ziel: Optimierung der dreidimensionalen Packstruktur – sowohl für komplexe Einzelbestellungen als auch für die gesamte LKW-Ladung. Die integrierte Strategie sorgt für maximale Platzausnutzung und eine signifikante Reduzierung der Prozesskosten.

Methodik

  • Modellierung durch MIQP- und MILP-Modelle
  • Physikbasierte Anordnung: Schwere Produkte unten (Schwerkraft), flächige Produkte als Basis (Pyramidenstruktur)
  • Schutz der Produkte: Aktive Vermeidung von Belastung für fragile Waren

Ergebnisse

  • Echtzeit: Lösung synthetischer Instanzen in Sekunden durch spezialisierte Teilmodelle
  • LKW-Beladung: 3D-Bin-Packing zur Volumenmaximierung und Minimierung der LKW-Kosten
Optimale 3D-Packung

Optimierung der Kartontypen

Ziel: Optimierung der Dimensionen und Anzahl an Kartontypen zur Abdeckung eines $\alpha$-Perzentils des Produktsortiments unter Berücksichtigung der 50 %-Mindestfüllgrad-Regel. Ebenso wird eine Minimierung der Packkosten durch Optimierung der Kartontypen betrachtet.

Modellierung als Partial Set Cover Problem

$$\min \sum_{k \in K} x_k$$

$y_p \leq \displaystyle\sum_{k \in \mathcal{K}(p)} x_k \quad \forall\, p \in P$

$\displaystyle\sum_{p \in P} y_p \geq \lceil \alpha |P| \rceil$

$x_k \in \{0,1\} \quad \forall\, k \in K, \qquad y_p \in \{0,1\} \quad \forall\, p \in P$

  • Kostenoptimierung wird durch modifiziertes Kartonzuweisungs-MILP modelliert
  • Aufgrund ihrer Komplexität werden die Modelle durch hybride Algorithmen wie Large Neighborhood Search, Local Branching und Relaxed Local Branching gelöst
Benötigte Kartontypen nach Perzentil

Ergebnisse

  • Effiziente Umsetzung der EU-Regulierung: Das gesamte Sortiment kann mit 118 Kartontypen abgedeckt werden, für 90 % reichen 44 Kartontypen
  • Die neuen Kartontypen erreichen eine Kostenreduktion um 10,8 %
  • Bis zu 34,6 % Kostenersparnis durch Optimierung ohne Beschränkung der Kartonanzahl
  • Abdeckung ganzer Kundenbestellungen erschwert das Problem: Für 90 %-Abdeckung werden nun 72 Kartontypen benötigt

Erweiterung Operative Logistik: JIT & Forecasting

Just-In-Time (JIT)

  • Ziel: Umstellung von wöchentlichen Großbestellungen auf tägliche Bestandsauffüllung, um Lagerkosten und Kapitalbindung zu minimieren
  • Methodik: Rolling-Horizon-MILP, das den Bedarf eines einzelnen Tages optimiert und Restbestände an den Folgetag übergibt
  • Ergebnis: Höhere operative Flexibilität und effizientere Nutzung begrenzter Lagerflächen

Absatzprognose (Forecasting)

Da genaue historische Verkaufsdaten häufig nicht verfügbar sind, muss die Kartonvorbestellung auf Basis von Prognosen erfolgen. Ein zentraler Zielkonflikt: Zu wenig Kartons führen zu teuren Lieferverzögerungen (Penalty 4,00 €/Stück), zu viele erhöhen die Lagerkosten (1,00 €/Stück). Der Forecast wird daher mit einem optimalen Sicherheitsfaktor von 1,05–1,08 skaliert, um diesen Sweet-Spot zu treffen.

Verglichene Methoden
  • SES (Simple Exponential Smoothing): gewichteter Durchschnitt mit stärkerem Fokus auf jüngere Daten – effizient für kurzfristige Trends
  • SARIMA: statistisches Modell, das Saisonalita¨t und Trends explizit modelliert – besonders stark bei ausgeprägten Spitzen (z. B. Weihnachtsgeschäft)
  • TM-MILP (Eigenentwicklung): ein MILP-basierter Trend-Multiplikator, der asymmetrische Kosten direkt in die Prognose einbezieht

Fazit: SES und SARIMA übertreffen den einfachen Identitäts-Forecast deutlich. Unterhalb des Sicherheitsfaktors 1,05 explodieren die Kosten durch Kartonmangel-Strafen; oberhalb steigen die Lagerkosten linear an – wie im Diagramm rechts deutlich sichtbar.

Forecasting-Ergebnisse: Kosten vs. Sicherheitsfaktor

Gesamtkosten der Forecasting-Methoden in Abhängigkeit vom Sicherheitsfaktor

Dashboard

Benutzer­ober­fläche zur Ausführung von Algorithmen und Visualisierung der Ergebnisse. Das Dashboard ermöglicht die Konfiguration von Packszenarien, die Ausführung verschiedener Optimierungsalgorithmen und die detaillierte Analyse der resultierenden Kosten und Auslastung.

3D Packing Visualization

3D-Packing-Visualisierung

Run Dashboard

Run Dashboard mit Kostenanalyse

Teilprojekt 2

Flottenplanung mit Zeitfenstervergabe

Motivation und Problembeschreibung

Zensus-Daten Kundenstandorte

Kundenstandorte im Liefergebiet

Motivation und Szenario

Online-Shopping gehört für viele Menschen heute zum Alltag. Um bestellte Ware auszuliefern, werden große Flotten von Lieferfahrzeugen eingesetzt – mit Auswirkungen auf Umwelt und Verkehrsaufkommen. Daraus ergeben sich zentrale Fragestellungen:

  • Wie können Routen möglichst kurz und damit günstig und CO2-arm gestaltet werden?
  • Wie kann die Anzahl benötigter Lieferfahrzeuge minimiert werden?
  • Wie kann jedem Kunden ein verbindliches Zeitfenster zugesichert werden?

1. Online-Problem

Zum Zeitpunkt einer Bestellung muss verbindlich ein Zeitfenster zugewiesen werden (max. 5 Sek.).

2. Offline-Problem

Am Abend müssen die Routen für den nächsten Tag geplant werden (mehrere Stunden Zeit).

Problembeschreibung

Zeitfenster:

  • 9:00 – 12:00 Uhr
  • 12:00 – 15:00 Uhr
  • 15:00 – 18:00 Uhr

Servicetypen:

  • Standard (Lieferung) → 20 min
  • Comfort (z.B. Anschluss) → 40 min
  • Premium (z.B. Installation) → 60 min
Fixkosten: 500 € / Fahrzeug Fahrtkosten: 2,50 € / km Max. Einsatzzeit: 10 Std. / Tag

Exaktes Offline-Routing: MILP

Lineare Programmierung (LP) ist eine Methode zur mathematischen Beschreibung von Optimierungsproblemen. Im vorliegenden Mixed Integer Linear Programm (MILP) werden sowohl binäre als auch kontinuierliche Variablen verwendet.

Variable $x_{ij}$

Die binäre Variable gibt an, ob direkt von Knoten $i$ nach $j$ gefahren wird ($x_{ij} = 1$) oder nicht ($x_{ij} = 0$).

Zielfunktion

$$\min\; C_{\mathrm{fix}} \sum_{v \in N} x_{ov} + c_{\mathrm{km}} \sum_{ij \in E^*} d_{ij}\, x_{ij}$$

Nebenbedingungen

$\displaystyle\sum_{oi \in E^*} x_{oi} = \sum_{io \in E^*} x_{io}$ — Flusserhaltung am Depot

$\displaystyle\sum_{ji \in E^*} x_{ij} = \sum_{ij \in E^*} x_{ji} = 1 \quad \forall\, i \in N$ — Jeder Kunde genau einmal besucht

$t_j \geq t_i + s_i + \tau_{ij} - M(1 - x_{ij}) \quad \forall\, ij \in E^*$ — Zeitkonsistenz

$a_i \leq t_i \leq b_i \quad \forall\, i \in N$ — Zeitfenster eingehalten

Im Gegensatz zur Lösung von LPs ist für MILPs kein Polynomialzeitalgorithmus bekannt. Moderne Solver finden mittels Branch and Bound oft schnell gute suboptimale Lösungen.

Modifikationen zur Verringerung der Integrality Gap

Local-Area-Arcs

Unterbinden lokale Kreise im MILP

Time Buckets

Reduzieren den Graphen auf zeitlich minimale, nicht-dominierte Kanten

Truck Lower Bound

MST-basierte Heuristik zur Abschätzung der benötigten Lieferfahrzeuge

MILP Routen für einen Tag

MILP-optimierte Routen für eine Benchmark-Instanz mit 88 Kunden

Experimentelle Evaluation

Evaluation auf einer Benchmark-Instanz mit 88 Kunden. Vier Varianten: ohne Modifikationen, LA+TB, TLB sowie alle kombiniert.

Alle Ansätze erreichen nach 5 Stunden ähnliche Zielfunktionswerte von ca. 7500 €. Das unmodifizierte Modell zeigt jedoch eine deutlich höhere Integrality Gap, während insbesondere LA und TB diese stark reduzieren.

Fazit: Die Modifikationen verbessern die Modellqualität deutlich, verursachen jedoch zusätzlichen Rechenaufwand.

Online-Zeitfenstervergabe: Stochastische Lokale Suche (SLS)

SLS ist ein heuristisches Optimierungsverfahren, bei dem ein Ausgangszustand durch lokale Veränderungen schrittweise verbessert wird. Ein aktuelles Routing wird durch die atomaren Operationen SWAP, REVERSION und INSERTION modifiziert. Anders als das MILP findet SLS nicht immer optimale Lösungen, hat aber eine geringe Laufzeit. Neuen Kunden wird das Zeitfenster zugewiesen, für das das beste Routing gefunden wird.

SWAP

Zwei Kunden innerhalb einer Route tauschen ihre Positionen.

Depot A B C D E Depot A B C D E

REVERSION

Ein Teilabschnitt der Route wird in umgekehrter Reihenfolge durchlaufen.

Depot A B C D E F Depot A B C D E F

INSERTION

Ein Kunde wird aus seiner aktuellen Route entfernt und an einer besseren Position in einer (möglicherweise anderen) Route eingefügt.

Depot a b c d e f Depot a b c d e f

Online-Zeitfenstervergabe: Naive Greedy

Beim Greedy-Ansatz werden für jeden neuen Kunden alle möglichen Einfügepositionen in bestehenden Routen getestet. Der Kunde erhält das Zeitfenster mit dem geringsten Kostenzuwachs. Weicht dieses vom präferierten Zeitfenster des Kunden ab, wird eine zusätzliche Penalty addiert.

  • Vorteil: Extrem schnelle Laufzeit – Kunden werden nur eingefügt, nie umgeplant
  • Nachteil: Suboptimale Ergebnisse, da frühere Zuweisungen nie revidiert werden
  • Einsatz: Als schnelle Ausgangslösung, die durch nachgelagerte Optimierungsverfahren (z. B. SLS) deutlich verbessert werden kann
Ablauf
  1. 1 Neuer Kunde trifft ein – verbindliche Zeitfensterzuweisung erforderlich (max. 5 Sek.)
  2. 2 Alle möglichen Einfügepositionen in bestehenden Routen werden bewertet
  3. 3 Position mit minimalem Kostenzuwachs (inkl. Penalty bei abweichendem Wunschfenster) wird gewählt
  4. 4 Zuweisung ist final – keine Umplanung bestehender Kunden

Online-Zeitfenstervergabe: Cone-Ansatz

Für jeden Kunden soll geschätzt werden, wie viele weitere Kunden mit diesem gemeinsam in eine Route passen:

  • „Cones“ (Sektoren) umschließen mögliche Routenpartner
  • Kapazität der Cones: Servicezeiten und Distanzen zwischen Kunden
  • Möglichst gleichmäßige Verteilung der Zeitfenster

Bewertung der Qualität von Zeitfenstern anhand eines Score: Summe der Servicezeiten über alle Cones.

Ergebnisse

Präferierte Zeitfenster

Präferierte Zeitfenster

Cone Zeitfensterzuweisung

Cone-Zeitfensterzuweisung

MILP Routen

MILP-Routen (Referenz)

Cone Routen

Cone-Routen